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aktuelles aus dem Kreisverband Plön

Von der Freundschaft zu einem Pflegeroboter

Doris Dörries neuer Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ thematisiert Fürsorge in einer technisierten Welt.

Filmszene aus „Frau Winkler verlässt das Haus“. Ein Pflegeroboter sitzt neben einer älteren Frau auf dem Bett, im Hintergrund drei weitere Personen.
Weil sich Tochter Emi (Laura Tonke, 2. v. li.) nicht selbst um ihre Mutter kümmern kann, soll ein Pflegeroboter diese Aufgabe übernehmen – das sei „human und volkswirtschaftlich sinnvoll“. Fotos: Mathias Bothor / Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany

Als Frau Winkler zum Pflegefall wird, soll sich ein Roboter um sie kümmern. Zunächst wehrt sich die alte Dame vehement gegen die Zuwendung durch eine Maschine. Doch dann entwickelt sich eine unerwartete Freundschaft zwischen der 80-Jährigen und dem Pflegeroboter Pawlowitsch.

Die Geschichte spielt zwar in der näheren Zukunft, genauer gesagt im Jahr 2030, wirft aber trotzdem Fragen auf, die uns schon heute beschäftigen: Wie gehen wir mit dem steigenden Bedarf an Pflege um? Wie begegnen wir der zunehmenden Einsamkeit im Alter? Einfache Antworten darauf bietet auch der Film von Doris Dörrie nicht. Auf mitfühlende und humorvolle Weise aber ermöglicht er wertvolle Denkanstöße zu Themen wie Selbstbestimmung oder Fortschritt.

Dass „Frau Winkler verlässt das Haus“ keine reine Komödie ist, zeigt sich nicht zuletzt an dem ambivalenten Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. So kann der Roboter zwar auf wunderbare Weise Texte von Tschechow zitieren, weshalb Frau Winkler ihm auch den Namen „Pawlowitsch“ gibt. Geichzeitig aber übermittelt dieser die sich verschlechternden Vitalwerte der Seniorin an ein Gesundheitssystem, das immer stärker auf Effizienz bedacht ist. Entscheidet somit am Ende eine künstliche Intelligenz über Leben und Tod? 

Beim Schreiben ihres Drehbuches spielten für die Regisseurin auch eigene Erfahrungen eine Rolle. Doris Dörrie stieß bei der Pflege ihrer Eltern selbst hin und wieder an emotionale Grenzen. In diesen Situationen habe sie sich überfordert gefühlt und sei ungeduldig geworden. Dabei kam der Regisseurin gelegentlich der Gedanke, dass ein Roboter ohne derartige Empfindungen vielleicht besser für diese Aufgabe geeignet sei.

In Fortschritt und künstlicher Intelligenz sieht die Filmemacherin dennoch nicht die Lösung aller Probleme. Gleichzeitig ist ihr Zukunftsbild aber auch nicht von Angst bestimmt, sondern eher von der Suche nach dem, was uns menschlich macht. Daher war es Doris Dörrie auch wichtig, dass der Pflegeroboter Pawlowitsch von einem Schauspieler verkörpert wird.

Der Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ von Doris Dörrie ist ab dem 1. Oktober bundesweit im Kino zu sehen.

Interview mit Doris DörrieEbenso skeptisch wie neugierig

Ihre Filme („Kirschblüten – Hanami“) laden oftmals zu einer melancholischen und poetischen Reise ein. Darüber hinaus schreibt die 71-Jährige schon seit Langem auch sehr erfolgreich Bücher. Im Interview mit der SoVD-Zeitung beantwortet Doris Dörrie Fragen zu ihrem neuen Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ und schildert ihre persönliche Einschätzung zu künstlicher Intelligenz (KI).

Die Pflege von Angehörigen bringt menschliche Belastungen mit sich. Wie kommt es, dass in Ihrem Film ausgerechnet ein Roboter im Konflikt zwischen Mutter und Tochter vermittelt?

In der Geschichte ist die Betreuung durch Pflegekräfte, aber auch ein Heimplatz unbezahlbar geworden. Die Tochter muss und will arbeiten und ihr Leben nicht gänzlich der Mutter opfern. Ihre einzige Möglichkeit ist es, einen Pflegeroboter zu mieten. Vielleicht sieht so unsere Zukunft aus. Mich beschäftigt die Frage, inwieweit eine neue Technologie uns hilft oder uns auch gefährlich wird. 

Dabei machen gerade die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz vielen Menschen Angst. Wie stehen Sie diesem Thema gegenüber?

Skeptisch und neugierig zugleich. Wir sollten nicht zu viel Angst haben und möglichst neutral erst einmal die neuen Möglichkeiten untersuchen und auf jeden Fall regulieren.

Pawlowitsch ist ein Pflege-Roboter, der jedoch von einem Schauspieler gespielt wird. Wie realistisch macht ihn das? 

Im Film kommt auch ein echter Roboter vor, der aber körperlich noch lange nicht so viel konnte wie ein Mensch. Deshalb hat dann auch ein Schauspieler den Roboter verkörpert. Im Dialog ist die Künstliche Intelligenz allerdings jetzt schon so weit fortgeschritten, dass wir sie kaum noch von einem Menschen unterscheiden können. 

Wie verfolgen Sie persönlich die pflegepolitische Situation in Deutschland? Gehen wir aus Ihrer Sicht als Gesellschaft mit dem Älterwerden insgesamt angemessen um?

Wir vernachlässigen das Thema seit Jahrzehnten auf sträfliche Weise, was seltsam ist, weil es uns ja doch alle einmal betreffen wird. Aber wir tun weiterhin so, als würden wir nie alt und krank werden, nie Hilfe benötigen und auch nie sterben. Dabei gibt es in anderen Ländern sehr wohl Modelle, die wir uns abschauen könnten. In Schweden zum Beispiel wird erfolgreich ein Programm zur Prophylaxe von altersbedingten Krankheiten betrieben und mit einem umfassenden Hilfsangebot dafür gesorgt, dass alte Menschen, solange es nur irgendwie geht, autark zu Hause leben können. Auch in der Palliativmedizin und bei Hospizen fehlt es bei uns an vielen, vielen Plätzen, was in anderen Ländern auch ganz anders ist. Ich hoffe sehr, dass wir endlich aufwachen.

Interview: Joachim Schöne