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aktuelles aus dem Kreisverband Plön

Vom Leben mit dem Tourette-Syndrom

Einfühlsam bringt der Kinofilm „Verflucht normal“ eine wahre Geschichte auf die große Leinwand.

Szenenbild aus dem Film "Verflucht normal". Die Hauptfigur steht in einer sitzenden Menschengruppe und erklärt etwas, tippt sich dabei an den Kopf.
John Davidson, gespielt von Robert Aramayo, versucht zu erklären, was eigentlich mit ihm los ist. Seit dem 28. Mai läuft der sehenswerte Film „Verflucht normal“ deutschlandweit im Kino. Foto: Wild Bunch Germany

Als John Davidson damit anfing, unkontrolliert um sich zu schlagen, zu spucken und zu fluchen, hielten ihn viele schlicht für verrückt. Kein Wunder: Mit dem Begriff Tourette konnte in den frühen 1980er-Jahren kaum jemand etwas anfangen. Doch Davidson ließ sich auch nach seiner Diagnose nicht unterkriegen. Er gründete eine Selbsthilfegruppe und wurde mit den Jahren zu einem der bekanntesten Botschafter des Tourette-Syndroms. Mit „Verflucht normal“ kommt jetzt ein Film ins Kino, der auf bewegende Weise das Leben dieses Aktivisten erzählt.

Seine Kindheit verbrachte John Davidson in einer idyllischen Kleinstadt in Schottland. Damals drehte sich die Welt des sportbegeisterten Jungen vor allem um Fußball. Doch das änderte sich mit Beginn der Pubertät. Zunehmend litt der Zwölfjährige unter nervlichen Tics, hatte seinen Körper und seine Sprache nicht mehr unter Kontrolle. Sein Verhalten stieß auf Unverständnis und Ablehnung. Als John auch in der Schule mit Kraftausdrücken um sich warf, sperrte man ihn zur Strafe in einen Schrank. Erst spät erhielt er die Diagnose Tourette, einfacher machte das sein Leben aber auch nicht.

Unter dem Titel „John ist nicht verrückt“ („John‘s not mad“) machte schließlich eine Dokumentation im Fernsehen auf das Schicksal des damals 16-Jährigen aufmerksam. Es folgten weitere Berichte über das Tourette-Syndrom sowie aktuell der Kinofilm „Verflucht normal“. Ebenso mitreißend wie humorvoll schildert dieser Davidsons Leben und seinen Einsatz als Botschafter einer oft missverstandenen Krankheit. 

Wie erfolgreich er damit ist, zeigte sich 2019 bei einer Auszeichnung durch die inzwischen verstorbene Königin Elizabeth II. Mit der ihr eigenen Gelassenheit nahm die Queen damals die von John Davidson unkontrollierbar geäußerten Flüche zur Kenntnis. Niemand der Anwesenden kam auf die Idee, ihn deshalb in einen Schrank zu sperren.

Kevin Kuhrt will aufklären, indem er zeigt, wie er fast an Tourette zerbrochen wäre„Ich hatte einfach keinen Bock mehr“

Was mit ihm nicht stimmte, das konnte Kevin Kuhrt über Jahre hinweg niemandem erklären. Er wusste es selbst nicht. Alles fing damit an, dass er als Sechsjähriger im Gras lag und ganz willkürlich mit seinen Beinen zappelte. Er habe damals das Gefühl gehabt, so beschreibt er es rückblickend, irgendwie „Druck ablassen zu müssen“. Danach ging es ihm besser. Das war halt so. 

Doch je älter Kevin wurde, umso deutlicher traten seine Tics zutage: Er verrenkte Arme und Beine, nickte unkontrolliert mit dem Kopf. Seine Eltern machten sich Sorgen und gingen mit ihrem Sohn zur Hausärztin. Der heute 31-Jährige erinnert sich: „Da habe ich dann erstmal ein Asthmaspray bekommen. Hat natürlich nix gebracht. Später wurde ich in alle möglichen Röhren gesteckt und war bei zig vermeintlichen Experten im Neuro-was-auch-immer-Bereich. Aber keiner hatte eine Antwort auf unsere Fragen.“ 

Zwangsstörungen, Depressionen und Panikattacken

Als Kevin schließlich die Diagnose Tourette erhielt, war er 14 Jahre alt. Längst bestimmten Begleiterkrankungen den Alltag des Teenagers. Er litt unter Zwangsstörungen, Depressionen und Panikattacken. Kevin Kuhrt beschreibt eine Entwicklung, die ihm zusehends den Lebensmut nahm: „Die Zwänge haben mich gefesselt und mich gar nicht funktionieren lassen. Ich bekam schon zum Frühstück fünf verschiedene Medikamente und litt unter extremen Blickkrämpfen. Die führten auch zu meinem Suizidversuch. Ich hatte einfach keinen Bock mehr.“

Zum Glück wurde dem jungen Mann im letzten Moment bewusst, wie sehr sich seine Angehörigen um ihn sorgten, und er ließ von seinem Vorhaben ab. Es war eine bittere Ironie des Schicksals, dass sich die quälenden Blickkrämpfe kurz darauf als Nebenwirkung herausstellten, die mit dem Absetzen eines der Medikamente verschwanden. 

“Herbstresidenz” zeigt, wie es gehen kann

Vor einem Jahr schließlich zeigte der Fernsehsender Vox das Projekt „Herbstresidenz“: In einem Altenheim an der Mosel absolvierten neun Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen eine Ausbildung als Alltagshelfer*in. Kevin Kuhrt war Teil dieses Teams. Das Zusammentreffen von Alt und Jung funktionierte und bereicherte beide Seiten. Die Herbstresidenz nahm Inklusion ernst, indem sie die Fähigkeiten und die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigte. Am Ende bot das Heim ihnen eine Festanstellung an; eine Chance, die auch Kevin nutzen wollte. Doch er spürte den Druck. Als dann obendrein sein Opa starb, fiel er zurück in eine Depression und kehrte schweren Herzens aus der Pfalz zurück in die Heimat.

Bei Vorträgen und in sozialen Medien schildert Kevin Kuhrt heute ganz offen, wie sich die Tourette-Erkrankung auf sein Leben ausgewirkt hat. Er wirbt dabei vor allem für Akzeptanz. Denn für ihn steht fest, dass er ohne den großen Rückhalt seiner Familie längst nicht mehr am Leben wäre.

 

Was ist Tourette?

Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung. Sie äußert sich in plötzlich auftretenden, schnellen und unwillkürlichen Bewegungen oder Lautäußerungen, sogenannten Tics. Nur in bestimmten Fällen kommt es zu einem unkontrollierten Fluchen, weitaus häufiger sind dagegen Kopfbewegungen, Augenblinzeln oder Räuspern. 

Was hilft gegendas Tourette-Syndrom?

Allein in Deutschland leben bis zu 850.000 Menschen mit Tourette; die meisten mit eher milden Symptomen. Bisher ist die Erkrankung nicht heilbar, lässt sich jedoch mit Medikamenten behandeln. Begleitend kann es zu Depressionen sowie Angst- und Schlafstörungen kommen. 

Aufklärung undweitere Informationen

Um Vorurteile abzubauen, findet jedes Jahr am 7. Juni der Europäische Tourette-Tag statt. Hilfe und Informationen gibt es online zum einen bei der Tourette-Gesellschaft Deutschland unter: www.tourette-gesellschaft.de sowie zum anderen beim Interessenverband Tic & Tourette Syndrom e. V. unter: www.iv-ts.de.