HateAid wurde gegründet, um die digitale Welt zu einem positiven Ort zu machen. Demokratische Werte sollen hier für alle gelten – unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Religion. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es vor allem, die unserer Gesellschaftsordnung zugrunde liegenden Prinzipien zu festigen: die Menschenrechte, die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Verfassungswerte. Zu einem Austausch über die Arbeit gegen Hass im Netz und über Demokratiestärkung, die ebenso für den SoVD von zentraler Bedeutung ist, trafen sich im Juni die SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier und HateAid-Gründungsgeschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg.
„Digitale Gewalt betrifft uns alle – eine Gesellschaft kann nur so frei sein wie ihre kleinsten Teile. Und wenn Einzelne sich nicht mehr trauen, ihre Meinung ohne Einschränkungen zu äußern, ist unsere Demokratie beschädigt“, sagt von Hodenberg. Die Erfahrung zeige jedoch: „Viele Menschen schweigen mittlerweile aus Angst vor Hass. Besonders jene, die auch in anderen Bereichen des Alltags Diskriminierung erleben.“ Zugleich bekämen die, die am lautesten schrien und beleidigten, am meisten Aufmerksamkeit, macht sie deutlich.
Hier setze ihre Arbeit an: Betroffene können sich an HateAid wenden und erhalten auf Wunsch unentgeltlich eine emotional stabilisierende Erstberatung durch geschulte Betroffenenberater*innen, je nach Bedarf auch weitere.
In einzelnen Fällen übernimmt die Organisation die Kosten für zivilrechtliche Gerichtsverfahren und vermittelt rechtliche Schritte gegen Täter*innen. HateAid arbeitet mit mehreren spezialisierten Kanzleien, Sonderstaatsanwaltschaften sowie Bundes- und Landesbehörden zusammen, zum Teil auch mit europäischen Entscheidungsträger*innen.
Auf gesellschaftlicher Ebene engagiert sich die gemeinnützige Organisation mittels Kampagnen, Petitionen und Aktionen gegen Gewalt im Netz. „Wir ermutigen, sich stark zu machen für eine Gesellschaft, die in allen Facetten Demokratie lebt“, betont von Hodenberg. „Dazu gehört, sich online gegen Hass einzusetzen, Solidarität zu zeigen und rechtswidrige Inhalte zu melden.“
Pragmatische Hilfestellungen, etwa bei der Melde- und Beweispflicht, sind ebenfalls Teil der Unterstützungsarbeit: So können Betroffene und Beobachter*innen von digitaler Gewalt rechtswidrige Inhalte über Formulare, Apps oder direkt auf der HateAid-Website sichern und melden.
Im Rahmen ihrer politischen Arbeit führt HateAid zudem rechtliche Grundsatzverfahren. Intention ist hier, die Rechte von Betroffenen gegenüber Online-Plattformen zu stärken.
Interview mit Anna-Lena von Hodenberg
Sicherheitsstandards auch online nötig!
Als Mitbegründerin und Geschäftsführerin von HateAid berät Anna-Lena von Hodenberg mit den Mitarbeitenden ihrer Organisation Menschen, die im Netz belästigt und attackiert werden. Im Interview mit der SoVD-Zeitung berichtet von Hodenberg über den wachsenden Hass im Internet und was von digitaler Gewalt betroffene Menschen tun können, um sich dagegen zu wehren.
__Was ist das Ziel von HateAid?
HateAid ist die bundesweit erste Anlaufstelle für Betroffene digitaler Gewalt. Wir setzen uns für einen besseren rechtlichen Schutz ein und sensibilisieren Politik, Justiz und Wirtschaft zu den Auswirkungen von Gewalt und Desinformation im Netz. Wir wollen erreichen, dass Plattformen von Anfang an sicher gestaltet werden, also zum Beispiel Vorkehrungen zum Kinder- und Jugendschutz treffen. Wir finden: Wenn Meta, X und Co. hier weiter viel Geld wollen, müssen sie sich auch an unsere Regeln halten.
__Was war für Sie 2018 der Beweggrund, gemeinsam mit anderen HateAid zu gründen?
Wir haben HateAid gegründet, um die digitale Welt für alle zu einem positiven Ort zu machen. Soziale Medien sind unsere wichtigsten Debattenräume. Leider sind sie auch sehr leicht manipulierbar – durch digitale Gewalt und gezielt verbreitete Lügen. Menschen werden eingeschüchtert und trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu sagen. Es wird schwieriger, Fakten von Behauptungen zu unterscheiden. Das ist nicht nur ein Problem für Einzelne, sondern für unsere Demokratie.
__Welche Arten von digitaler Gewalt beobachten Sie? Welchen Anteil machen bei Ihrer Arbeit digitale oder auch sexualisierte Gewalt im Netz aus?
Aktuell beobachten wir eine besorgniserregende Zunahme digitaler Gewalt, die durch technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz (KI) massiv verschärft wird.
Besonders problematisch sind KI-generierte Inhalte wie Deepfakes und Deepfake-Porn, die oftmals dafür eingesetzt werden, Betroffene zu schädigen oder sexualisierte Gewalt gegen sie auszuüben. Ein weiteres wachsendes Problem ist eine Automatisierung von Hassrede: Bots verbreiten massenhaft beleidigende oder bedrohliche Nachrichten.
__Unterscheidet sich der Hass, der sich gegen Menschen des öffentlichen Lebens richtet, von dem, den Privatpersonen erfahren?
Zuerst einmal ist es wichtig festzuhalten, dass digitale Gewalt für jede betroffene Person schlimm ist. Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden häufig zur Zielscheibe von Hass, weil sie eine öffentliche Rolle einnehmen. Privatpersonen hingegen erleben Hass häufiger im Zusammenhang mit persönlichen Konflikten, etwa durch die eigene Familie oder im Freundeskreis. Aber auch sie können durch Cybermobbing oder virale Ereignisse massiven Anfeindungen ausgesetzt sein.
__Was können Betroffene tun?
Wenn Personen von digitaler Gewalt betroffen sind, sollten sie Beweise sichern, indem sie Screenshots, Links oder andere Nachweise der Hasskommentare oder Angriffe fotografieren und speichern. Anschließend sollten sie die Inhalte direkt auf der Plattform melden und im Zweifelsfall auch bei der Polizei anzeigen. Wir raten sehr dazu, dass sich Betroffene emotionale Unterstützung durch Vertrauenspersonen oder Beratungsstellen wie HateAid suchen.
__Wie viele Menschen haben bislang Unterstützung durch HateAid erhalten?
Seit unserer Gründung 2018 hat die Beratungsstelle bei HateAid über 8.000 Fälle digitaler Gewalt bearbeitet. Mit wachsender Bekanntheit unserer NGO und leider auch der wachsenden Problematik durch schnelle Veränderungen der Technologien steigt die Zahl der Beratungsanfragen kontinuierlich an. Aktuell bekommt HateAid, nach Stand April 2026, circa 250 Unterstützungsanfragen im Monat.
__Was ist aus Ihrer Sicht notwendig, um Nutzer*innen besser vor dem Missbrauch der eigenen Bilder zu schützen?
Aus unserer Sicht braucht es ein Bündel an Maßnahmen. Dazu gehört zunächst die ausdrückliche Strafbarkeit der Herstellung und Verbreitung von KI-generierten Inhalten, wenn sie ohne die Einwilligung der betroffenen Person erstellt oder verbreitet werden.
Ebenso wichtig ist die konsequente und zügige Durchsetzung bestehender europäischer Gesetze, die Plattformen sicherer machen sollen (DSA und AI-Act). Ergänzend dazu müssen Beratungsangebote sowie Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen ausgebaut werden.
__Wie können Online-Plattformen besser reguliert werden?
Aktuell bestimmt das Profitinteresse der Tech-Konzerne wie Meta oder Google über das Design und die Funktionsweise der großen Social-Media-Plattformen und Suchmaschinen. Das muss sich ändern: So wie in der analogen Welt brauchen wir auch online bestimmte Sicherheitsstandards, die nicht verhandelbar sind. Und die müssen wir auch gegen die mächtigen Interessen der meist amerikanischen Konzerne durchsetzen.
