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aktuelles aus dem Kreisverband Plön

„Demografiedebatte ist überzogen“

Autor Andreas Hoffmann fordert Perspektivwechsel in Diskussion um alternde Gesellschaft.

Vollbesetzter Saal, vorne ein Podium, an dem drei Personen sitzen.
Buchvorstellung im Haus der Bundespressekonferenz, v. li.: Moderator Ralph Bollmann, Bundesministerin Bärbel Bas und Autor Andreas Hoffmann. Foto: Gordon Welters

Bis Juli soll die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission Reformvorschläge zur Sicherung des Lebensstandards im Alter erarbeiten. Ziel ist die Entwicklung eines stabilen und finanzierbaren Rentensystems. Inmitten der Debatte erscheint ein Buch, das einen Perspektivwechsel in der gängigen „Demografischer-Wandel-Diskussion“ nahelegt. In etlichen Bereichen decken sich die Aussagen des Autors mit den vom SoVD vertretenen Positionen.  


„Die erfundene Bedrohung – wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nützt“, lautet der provokante Titel der Neuerscheinung. Autor Andreas Hoffmann, profilierter Wirtschaftsjournalist, stellte es am 9. Februar vor großem Publikum im Tageszentrum im Haus der Bundespressekonferenz vor. Zu viele Alte, zu wenige Junge, die Renten kurz vor dem Kollaps, der Generationenvertrag gescheitert? Nein, behauptet Hoffmann, und unterzieht weitverbreitete Narrative einer kritischen, oftmals humorvollen Prüfung. 

Für seine Analyse durchkämmte er Archive, wertete Statistiken aus und diskutierte mit zahlreichen Rentenexpert*innen. Sein streitbares Fazit lautet schließlich: „Die Angst vor der alternden Gesellschaft ist stark übertrieben!“ Seit über 100 Jahren werde die Mär vom demografischen Untergang erzählt; vieles daran sei reiner Mythos, so Hoffmann.

Bärbel Bas: Diskussion losgelöst von Fakten

Rückendeckung erhält er dabei von Bärbel Bas, der Bundesministerin für Arbeit und Soziales (SPD). Bei der Buchvorstellung stellte Bas fest: „Das ist eine willkommene Buchvorstellung. Es passt in die Zeit, in der eine große Rentendebatte bis zur Verabschiedung des Rentenpakets schon hinter uns liegt und wir jetzt eine Rentenkommission haben, die sich damit in der Zukunft beschäftigt.“ Das Thema betreffe Millionen von Menschen, die am Ende eines langen Arbeitslebens eine auskömmliche Rente bräuchten. Die aktuelle Rentendebatte sei von Katastrophenrhetorik geprägt, oft losgelöst von der Faktenlage. 

Dies belegte die Bundesarbeitsministerin mit Zahlen: „Wir haben seit der Jahrtausendwende sieben Millionen mehr Menschen, die in die Rentenkasse einzahlen. Wir haben nicht weniger Erwerbstätige als vor 20 Jahren, sondern mehr – derzeit knapp 35 Millionen.“ Und schließlich schrumpfe das Land nicht, sondern sei seit 2010 um 3,4 Millionen gewachsen, führte Bas weiter aus. Gleichzeitig betonte sie, dass es dem Autor nicht darum gehe, jeglichen Reformbedarf zu leugnen. 

Kritisches Urteil zu kapitalgedeckter Altersvorsorge

Das griff Hoffmann auf. Es sei wichtig, zu unterscheiden, welche Maßnahmen griffen und welche eben nicht. So stellte er mit Blick auf die „Rente mit 67“ fest: „Vom Renteneintrittsalter her gesehen hat sie wenig gebracht. Und die finanziellen Ergebnisse sind sehr überschaubar, etwa 3,5 Milliarden Euro nach einer Entwicklungszeit von acht Jahren.“ Das sei ungefähr so viel, wie die Rentenversicherung in drei Tagen ausgebe. „Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, dass länger gearbeitet wird. Es ist eine gute Idee, sofern die Voraussetzungen stimmen. Wenn aber der finanzielle Effekt so gering ist, warum darauf herumreiten?“ 

Hart ins Gericht geht Hoffmann auch mit der kapitalgedeckten Altersvorsorge; „Trilogie des Scheiterns“, so sein Urteil, ganz abgesehen davon, dass die meisten Menschen gar nicht das Geld hätten, privat zu investieren (siehe auch Antwort 5, Interview)

Forderung nach mehr Investitionen in Bildung

Sorge bereite ihm, dass in einem Land, das Fachkräfte sucht, knapp 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 18 und 32 Jahren ohne Ausbildung sind. „Statt die Generationen gegeneinander auszuspielen, sollten wir in Berufsschulen, Gymnasien und Unis investieren.“ 

Nicht in allen Punkten entspricht der Blickwinkel Hoffmanns 1:1 der Haltung des SoVD, so auch im nachfolgenden Interview. Doch sind sie in jedem Fall geeignet, unkritisch tradierte Mythen in der Rentendebatte aufzubrechen.

Hoffmann fordert Stärkung der gesetzlichen Rente – kapitalgedeckte Altersvorsorge bislang „Trilogie des Scheiterns“ „Das gesetzliche Rentensystem ist stabil“

Andreas Hoffmann ist diplomierter Volkswirt und Journalist. Seine Schwerpunkte sind Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik. Aus dem politischen Berlin berichtet er seit mehr als 25 Jahren, unter anderem für die Frankfurter Rundschau, den Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung und den stern. Im Interview spricht er über sein Buch. 

Sie behaupten, dass die Aussage „Es gibt zu viele Alte“ nicht neu ist. Wie kommen Sie darauf?

Wir erleben seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa, dass unsere Gesellschaft altert. Die Geburtenrate sinkt seit 150 Jahren, und das Lebensalter steigt seit 150 Jahren. Der demografische Wandel ist also nichts Neues. Doch seit 100 Jahren reden uns diverse Experten ein, dass wegen der alternden Gesellschaft der Renten-Kollaps und der Niedergang des Staates bevorstehen. Es begann bereits in der Weimarer Republik, ging weiter unter Adenauer, Kiesinger, Kohl, Schröder, Merkel bis heute, und immer hieß es: „Zu viele Alte, zu wenig Junge, das kann nicht funktionieren.“ Doch es hat funktioniert. Wir sind in all den Jahren immer reicher geworden, leisten uns größere Wohnungen, haben Autos, Internet, Smartphone und fahren oft in Urlaub. 

Wie ist das gelungen?

Wir sind produktiver geworden. Während seit 1970 die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um ein knappes Drittel sank, stieg der Wohlstand; lag das Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigem damals bei 13.500 Euro, erreichte es im Jahr 2023 fast 90.000 Euro. Ein Plus von über 650 Prozent. Es arbeiten auch mehr. Weil viele Menschen aus dem Ausland kamen und hier tätig sind, haben wir mehr Beitragszahler. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wuchs seit der Jahrtausendwende um gut sieben Millionen auf 35 Millionen Ende vergangenen Jahres. Das ist Rekord.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrem Buch?

Ich schildere in meinem Buch, warum die alternde Gesellschaft nicht so schlimm ist, sondern viel besser ist, als wir glauben. Mir geht es darum, die Perspektive zu erweitern, dass der demografische Wandel nicht Untergang bedeutet. Und das versuche ich in meinem Buch unterhaltsam und tiefgründig zu schildern. 

Alte Gesellschaften sind gute Gesellschaften. Sie sind klüger, ruhiger, erfahrener. Der Sozialstaat ist ausgebaut, die Verwaltung funktioniert mehr oder weniger. Die meisten Menschen leben im Wohlstand, Recht und Gesetz gelten, jedenfalls häufig. Konflikte und Kriege sind selten, die Firmen und die Wissenschaft sind innovativ und erfinderisch. Die alternde Gesellschaft ist das Beste, was uns passieren kann.

Die Bundesregierung plant die große Rentenreform mit Priorität bis Jahresende. Die gesetzliche Rente soll dabei nur noch ein Baustein des Gesamtversorgungssystems sein. 

Ich finde, die Rentenversicherung hat sich in den letzten 25 Jahren sehr gut geschlagen. Die Beschäftigten tragen heute bei der Rente niedrigere Lasten als zur Jahrtausendwende. Der Rentenbeitrag ist gesunken, von 20,3 Prozent im Jahr 1999 auf aktuell 18,6 Prozent; und dies, obwohl wir seit damals etwa drei Millionen Ruheständler mehr haben, die im Schnitt knapp fünf Jahre länger leben. Also mehr Rentner, die länger leben, und trotzdem niedrigere Beiträge – das muss uns mal jemand nachmachen. Der Staat zahlt ebenfalls nicht mehr, relativ gesehen: Der Bundesfinanzminister überwies damals wie heute etwa ein Viertel seines Etats an die Rentenkasse. Das ist ein Riesen-Erfolg, den kaum jemand feiert. Die Regierung sollte die Rente nicht schwächen, sondern stärken. 

Was halten Sie von der kapitalgedeckten Altersvorsorge?

Ich bin ein großer Anhänger von Fußballwahrheiten. Meine schönste lautet: „Die Wahrheit ist auf dem Platz.“ Wenn wir uns die „Wahrheit“ der privaten Altersvorsorge anschauen, sieht die Bilanz nicht gut aus. In den letzten 25 Jahren gab es drei Reformen, die Riesterrente, die Rürup-Rente und den Pflege-Bahr. Allesamt Flops. Die Riester-Rente glich die Einschnitte bei der gesetzlichen Rente nicht aus, die Rürup-Rente taugt laut Verbraucherschützern häufig nicht als Alternative zur gesetzlichen Rente für Selbstständige und der Pflege-Bahr, als Absicherung für den Pflegefall, nützt ebenfalls wenig. Eine Trilogie des Scheiterns. Dass ein vierter Versuch besser wird, ist nicht zu erwarten. Wer es kann, sollte für das Alter sparen, aber vielen Menschen fehlt schlicht das Geld, und die staatliche Förderung hat wenig gebracht. 

Wir vertreten als Verband die Position, dass die gesetzliche Rente die bessere Rente ist. Wie finden Sie das?  

Die gesetzliche Rente hat unter anderem die Einheit gut bewältigt, sodass Ostdeutsche heute eine viel höhere Rente als früher haben. Sie hat diverse Krisen überstanden, wie die Finanzkrise, die Euro-Krise, die hohe Zuwanderung nach dem Syrien-Krieg, die Corona-Pandemie und den Ukrainekrieg; sie brauchte während der Finanzkrise kein Extra-Geld, anders als Banken und Versicherer, die der Staat damals mit Hunderten Milliarden Euro vor dem Bankrott retten musste, andernfalls hätten sich vermutlich viele Vorsorgeprodukte in Luft aufgelöst. In all den Jahren ist das Land noch kräftig gealtert. Und die Rentenversicherung? Sie ging nicht unter, sondern zahlte für Millionen die Rente, Monat für Monat. Und senkte den Beitrag. Doch diese Erfolge zählen nicht, stattdessen reden sogenannte Experten die Rente kaputt. Das ist nicht fair. 

 

Andreas Hoffmann: Die erfundene Bedrohung. Wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nutzt. Goldegg Verlag, 240 Seiten, ISBN: 978-3-99060-493-9, 23,50 Euro.