Bis Juli soll die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission Reformvorschläge zur Sicherung des Lebensstandards im Alter erarbeiten. Ziel ist die Entwicklung eines stabilen und finanzierbaren Rentensystems. Inmitten der Debatte erscheint ein Buch, das einen Perspektivwechsel in der gängigen „Demografischer-Wandel-Diskussion“ nahelegt. In etlichen Bereichen decken sich die Aussagen des Autors mit den vom SoVD vertretenen Positionen.
„Die erfundene Bedrohung – wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nützt“, lautet der provokante Titel der Neuerscheinung. Autor Andreas Hoffmann, profilierter Wirtschaftsjournalist, stellte es am 9. Februar vor großem Publikum im Tageszentrum im Haus der Bundespressekonferenz vor. Zu viele Alte, zu wenige Junge, die Renten kurz vor dem Kollaps, der Generationenvertrag gescheitert? Nein, behauptet Hoffmann, und unterzieht weitverbreitete Narrative einer kritischen, oftmals humorvollen Prüfung.
Für seine Analyse durchkämmte er Archive, wertete Statistiken aus und diskutierte mit zahlreichen Rentenexpert*innen. Sein streitbares Fazit lautet schließlich: „Die Angst vor der alternden Gesellschaft ist stark übertrieben!“ Seit über 100 Jahren werde die Mär vom demografischen Untergang erzählt; vieles daran sei reiner Mythos, so Hoffmann.
Bärbel Bas: Diskussion losgelöst von Fakten
Rückendeckung erhält er dabei von Bärbel Bas, der Bundesministerin für Arbeit und Soziales (SPD). Bei der Buchvorstellung stellte Bas fest: „Das ist eine willkommene Buchvorstellung. Es passt in die Zeit, in der eine große Rentendebatte bis zur Verabschiedung des Rentenpakets schon hinter uns liegt und wir jetzt eine Rentenkommission haben, die sich damit in der Zukunft beschäftigt.“ Das Thema betreffe Millionen von Menschen, die am Ende eines langen Arbeitslebens eine auskömmliche Rente bräuchten. Die aktuelle Rentendebatte sei von Katastrophenrhetorik geprägt, oft losgelöst von der Faktenlage.
Dies belegte die Bundesarbeitsministerin mit Zahlen: „Wir haben seit der Jahrtausendwende sieben Millionen mehr Menschen, die in die Rentenkasse einzahlen. Wir haben nicht weniger Erwerbstätige als vor 20 Jahren, sondern mehr – derzeit knapp 35 Millionen.“ Und schließlich schrumpfe das Land nicht, sondern sei seit 2010 um 3,4 Millionen gewachsen, führte Bas weiter aus. Gleichzeitig betonte sie, dass es dem Autor nicht darum gehe, jeglichen Reformbedarf zu leugnen.
Kritisches Urteil zu kapitalgedeckter Altersvorsorge
Das griff Hoffmann auf. Es sei wichtig, zu unterscheiden, welche Maßnahmen griffen und welche eben nicht. So stellte er mit Blick auf die „Rente mit 67“ fest: „Vom Renteneintrittsalter her gesehen hat sie wenig gebracht. Und die finanziellen Ergebnisse sind sehr überschaubar, etwa 3,5 Milliarden Euro nach einer Entwicklungszeit von acht Jahren.“ Das sei ungefähr so viel, wie die Rentenversicherung in drei Tagen ausgebe. „Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, dass länger gearbeitet wird. Es ist eine gute Idee, sofern die Voraussetzungen stimmen. Wenn aber der finanzielle Effekt so gering ist, warum darauf herumreiten?“
Hart ins Gericht geht Hoffmann auch mit der kapitalgedeckten Altersvorsorge; „Trilogie des Scheiterns“, so sein Urteil, ganz abgesehen davon, dass die meisten Menschen gar nicht das Geld hätten, privat zu investieren (siehe auch Antwort 5, Interview).
Forderung nach mehr Investitionen in Bildung
Sorge bereite ihm, dass in einem Land, das Fachkräfte sucht, knapp 2,9 Millionen junge Menschen zwischen 18 und 32 Jahren ohne Ausbildung sind. „Statt die Generationen gegeneinander auszuspielen, sollten wir in Berufsschulen, Gymnasien und Unis investieren.“
Nicht in allen Punkten entspricht der Blickwinkel Hoffmanns 1:1 der Haltung des SoVD, so auch im nachfolgenden Interview. Doch sind sie in jedem Fall geeignet, unkritisch tradierte Mythen in der Rentendebatte aufzubrechen.

